Mamertus war ein katholischer Bischof von Vienne (im heutigen Frankreich, damals Gallien) und lebte im 5. Jahrhundert. Er stammte aus einer vornehmen Familie und war eng mit der Entwicklung der christlichen Liturgie verbunden. Sein Bruder, Claudianus Mamertus, war ein bedeutender christlicher Philosoph und Theologe, dessen Schriften die Theologie und Liturgie prägten. Mamertus ist vor allem als einer der Eisheiligen bekannt, deren Gedenktag am 11. Mai liegt. Im Jahr 469 oder 470 führte Bischof Mamertus nach schweren Zerstörungen durch Feuer und Erdbeben und daraus resultierenden Hungersnöten in seiner Stadt die sogenannten „Drei Bittgänge“ (auch Rogationstage genannt) ein. Es handelt sich um drei Tage des Fastens, Betens und gemeinschaftlichen Prozessionierens an den drei Tagen vor Christi Himmelfahrt, um göttlichen Schutz und Hilfe zu erflehen.
Die von Mamertus eingeführten Litaneien und Bittgebete verbreiteten sich schnell in Gallien und Spanien und wurden später in vielen europäischen Regionen übernommen.
In Norddeutschland, den Niederlanden und der Schweiz wird Mamertus oft als erster der Eisheiligen genannt, während im Süden eher die „Kalte Sophie“ (15. Mai) im Vordergrund steht.
Mamertus gilt als Schutzpatron der Feuerwehr und der Ammen. Sein Name wird oft mit den Bauernregeln der Eisheiligen in Verbindung gebracht, die vor Spätfrösten im Mai warnen.
Die Bittgänge oder wenn das Dorf gemeinsam durchs Feld zog
Die drei Tage vor Christi Himmelfahrt wurden vielerorts als Bitttage begangen. Man zog gemeinsam durch Felder und Wiesen,
entlang alter Wege, zu Feldkreuzen und Kapellen, an Dorf- und Flurgrenzen vorbei.
Die Menschen baten um gutes Wetter, Schutz vor Hagel und Sturm,
eine gute Ernte und Gesundheit für Mensch und Tier.
Die Bittgänge waren mehr als religiöse Prozessionen. Sie verbanden Naturbeobachtung, Gemeinschaft und bäuerliches Wissen miteinander.
Rituale der Flurumgänge
Flursegnung
Der Pfarrer segnete die Felder und sprach Gebete für Wachstum und Schutz.
Häufige Bittrufe lauteten:
„Vor Blitz, Hagel und Ungewitter,
bewahre uns, o Herr.“
„Vor Pest, Hunger und Krieg
erlöse uns, o Herr.“
Diese Bittrufe spiegeln die Unsicherheiten des damaligen Lebens wider. Wetter und Ernte entschieden oft über Hunger oder Überleben.
Die Gebete für die Felder baten ausdrücklich um Fruchtbarkeit der Äcker und Schutz der Natur.
„Segne die Früchte der Erde
und die Arbeit unserer Hände.“
„Gib günstige Witterung,
damit die Saat gedeihe.“
Alte Frühlings- und Fruchtbarkeitsbräuche lebten darin oft weiter.
Solche Formulierungen fanden sich später auch in kirchlichen Flursegnungen.
Prozessionen und Stationskreuze
Die Dorfgemeinschaft zog singend durch die Flur. An Wegkreuzen oder kleinen Kapellen wurde angehalten zum Gebet oder für Lesungen und Segnungen.
Oft markierten diese Orte alte Grenzpunkte oder traditionelle Wege durchs Dorfgebiet.
Psalmen und Prozessionsgesänge
Während des Gehens wurden häufig Psalmen gesungen, besonders:
Psalm 104 (Lob der Schöpfung)
Psalm 65 (Dank für Regen und Fruchtbarkeit)
Psalm 147 (Segen für die Erde)
Dazu kamen Wechselgesänge zwischen Vorbeter und Gemeinde.
Lateinische Rufe wie:
„Exaudi nos, Domine.“ („Erhöre uns, o Herr.“)
gehörten vielerorts dazu.
Überliefert sind auch Prozessions- und Litaneigesänge wie:
„Wir ziehen vor die Tore der Stadt“
„Großer Gott, wir loben dich“
Allerheiligenlitaneien
Wechselgesänge mit „Kyrie eleison“
Das gemeinsame Gehen und Singen stärkte das Gefühl von Zusammenhalt und gegenseitiger Verantwortung.
Bauernregeln rund um Mamertus
Mamertus zählt zu den sogenannten Eisheiligen. Seine Wetterbeobachtungen waren für Bauern über Jahrhunderte wichtig.
„Mamertus, Pankratius, Servatius
bringen oft noch Frost und Verdruss.“
„Sankt Mamertus kalt und nass,
füllt dem Bauern Scheun’ und Fass.“
„Mamertus und Pankratius, und hinterher Servatius, sind gar gestrenge Herrn“
Die Eisheiligen erinnerten daran, dass späte Fröste junge Pflanzen gefährden konnten. Viele Bauern warteten deshalb mit empfindlicher Aussaat bis nach diesen Tagen.
Gemeinschaft, Natur und Erinnerung
Die Bittgänge zeigen, wie eng früher Arbeit, Jahreszeiten, Glaube,
Wetterwissen und Gemeinschaft miteinander verbunden waren.
Wie die Kunkelstube waren auch die Flurumgänge Orte des gemeinsamen Erlebens. Man ging miteinander, sang miteinander und trug Verantwortung für Dorf, Felder und Ernte gemeinsam.
Alte Wege mit neuer Bedeutung
Früher zogen die Menschen gemeinsam durchs Dorf und über die Felder. Nicht aus Gewohnheit allein, sondern weil sie wussten, wie abhängig das Leben von Wetter, Ernte und Gemeinschaft war. Die Bittgänge waren Ausdruck von Hoffnung, Sorge und Zusammenhalt. Man ging miteinander, sang miteinander und bat um Schutz für Mensch, Tier und Landschaft.
Heute leben wir in einer anderen Welt.
Wettervorhersagen kommen aufs Handy, Lebensmittel wachsen scheinbar unabhängig von Jahreszeiten im Supermarktregal und viele Wege gehen wir allein. Trotzdem ist das Bedürfnis geblieben, sich verbunden zu fühlen. Mit der Natur, mit anderen Menschen und manchmal auch mit sich selbst.
Vielleicht liegt gerade darin die moderne Bedeutung der alten Bittgänge.
Ein heutiger Bittgang müsste keine religiöse Prozession mehr sein. Es kann ein gemeinsamer Weg durch die Landschaft sein, langsam und bewusst. Ohne Eile. Ohne großen Aufwand. Menschen können zusammen über Feldwege laufen, durch Streuobstwiesen oder entlang alter Dorfgrenzen. Unterwegs würde man innehalten, den Wind spüren, Vogelstimmen hören oder einfach wahrnehmen, wie sich eine Landschaft im Lauf des Jahres verändert.
Früher baten die Menschen um gutes Wetter und eine gute Ernte. Heute beschäftigen uns andere Fragen: Wie gehen wir mit unserer Umwelt um? Was möchten wir bewahren? Was bedeutet Gemeinschaft noch? Auch dafür kann ein gemeinsamer Weg Raum schaffen.
Die alten Rituale lassen sich dabei neu deuten. Wo früher Litaneien gesprochen wurden, können heute Geschichten erzählt oder Gedichte gelesen werden. Statt einer festen Prozessionsordnung kann es stille Momente geben, gemeinsames Singen oder einfach Gespräche unterwegs. Vielleicht trägt jeder einen Gedanken mit, den er loswerden oder teilen möchte. Vielleicht geht es auch nur darum, einmal gemeinsam draußen zu sein, ohne Ziel und ohne Ablenkung.
Besonders wertvoll ist dabei die Langsamkeit. Die alten Bittgänge unterbrachen den Alltag. Sie machten sichtbar, dass das Leben nicht nur aus Arbeit und Pflichten besteht, sondern auch aus Aufmerksamkeit und Gemeinschaft. Gerade heute, in einer Zeit ständiger Beschleunigung, kann darin etwas Heilsames liegen.
So könnten Bittgänge auch heute wieder Bedeutung bekommen: nicht als Nachahmung vergangener Zeiten, sondern als einfache Form, gemeinsam unterwegs zu sein und die Verbindung zur Landschaft und zueinander neu wahrzunehmen.
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